Differenz

von Bernhard Appel | Version 1.0.1 | 06.12.2021

Liegen bei einem Vergleich zweier oder mehrerer Fassungen ein und desselben Werkes (z. B. Bearbeitungen) Textzonen vor, die in keiner Weise miteinander korrespondieren, so sprechen wir von einer (Text-)Differenz. Eine Differenz liegt vor, wenn an ein und derselben syntaktischen Position der Fassungen keinerlei textuelle Übereinstimmung besteht.
Werden in eine Bearbeitung neue Takte eingefügt (Einfuegung) oder weggelassen (Tilgung) so wird die Differenz nicht nur als qualitativer, sondern auch als quantitativer Unterschied sichtbar. Beethovens Streichquintett op. 4 (1796) beispielsweise, eine Eigenbearbeitung des einige Jahre zuvor entstandenen Bläseroktetts op. 103 (um 1792/93, postum 1830 veröffentlicht), enthält in jedem Satz teilweise erhebliche Erweiterungen (z. B. ein zweites Trio im Menuett) und mithin neue Strukturen und Formteile. Beethovens vierhändige Klavierbearbeitung (op. 134) der Großen Fuge enthält im Vergleich zur Streichquartett-Fassung op. 133 am Werkbeginn lediglich zweieinhalb zusätzliche Takte. Dadurch unterscheiden sich die Taktumfänge beider Fassungen (741 Takte in op. 133 und 743 Takte in op. 134). In beiden genannten Fällen wird in den Bearbeitungen die bestehende strukturelle Korrespondenz – wenn auch in erheblich unterschiedlichem Maße – partiell aufgehoben.